von Jacob Schädelin, Netzwerk migrationscharta.ch
Der Text wurde im Rahmen eines gemeinsamen Studientages des Netzwerkes migrationscharta.ch und des Instituts für Theologie und Politik (Erfahrungsaustausch, theologische Reflexionen und Strategien) in Zürich (CH) am 27. Mai 2025 vorgetragen.
Aufstehen – Aufstand – Auferstehung
Die biblische Kategorienordnung: Möglichkeit vor Wirklichkeit.
Ich nehme eine kurze Darstellung vor, wie die Bibel die beiden modalen Kategorien Möglichkeit und Wirklichkeit einander zuordnet – als Vorbereitung zu den nachfolgenden Überlegungen von Michael Ramminger zu ‘Starke Transzendenz in ihrer Bedeutung für Migrationskämpfe und Gesetzeskritik’.
Ich mute euch ein wenig Erkenntnistheorie zu, als eine kleine Hilfe, das zu verstehen, was Verena Mühlethaler und dann gleich Michael Ramminger uns darbieten. Es geht um die Begriffe Wirklichkeit und Möglichkeit, um ihr Verhältnis zueinander. In der Bibel ist dieses Verhältnis anders als in
unserem gängigen Denken. Es kann weiterführen, wenn wir begreifen, was da anders ist. Ich habe mich dabei von Giorgio Agamben inspirieren lassen, Die Zeit, die bleibt, S 50 ff
Die Begriffe Wirklichkeit und Möglichkeit gehören zu den vier sog. modalen Kategorien. Diese Kategorien sind Denkkonstrukte, die anzeigen sollen, in welcher Weise (modal) ein Ding/Sachverhalt denkerisch existieren kann: es kann als wirklich (der Wirklichkeit nach) oder als möglich (der Möglichkeit nach) gedacht werden; und weiter als notwendig oder als zufällig. Aristoteles hat das heute gängige Verständnis oder Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit
grundlegend definiert. Er verwendet für das, was wir Wirklichkeit nennen, das Wort energeia, und für das, was wir Möglichkeit nennen, das Wort dynamis – in unserem Sprachgebrauch sind diese Termini immer noch präsent, etwa wenn wir dynamisch oder energetisch sagen. Im Lateinischen steht für Wirklichkeit actus, für Möglichkeit potentia. Ich bevorzuge für die deutsch Übersetzung von dynamis, Möglichkeit, das vom Latein herkommende Wort Potenz (trotz der zum Teil ablenkenden Assoziationen, etwa wenn von männlicher Potenz gesprochen wird), heute noch gängig in den Worten potentiell, Potentialität.
Aristoteles bestimmte nun: Gegenüber der «Möglichkeit ist die Wirklichkeit früher sowohl dem Begriffe als der Wesenheit nach» (ότι πρότερον ἐνέργεια δυνάμεώς ἐστίν / hoti proteron energeia dynameos estin).
Also: Die Wirklichkeit hat gegenüber der Möglichkeit den Vorrang, sie hat gleichsam mehr Seinskraft oder Seinsmacht, fachtechnisch ausgedrückt: die Wirklichkeit hat ontologisch, seinsmässig den Primat. Das bedeutet: Alles, was möglich ist, ist es nur durch seine Beziehung auf ein Wirkliches. Aristoteles macht ein Beispiel: «Das Sehvermögen etwa lässt sich nur bestimmen, indem man auf die Tätigkeit ‘Sehen‘ Bezug nimmt» [Met. IX 8, 1049b12–17].
So denken wir im Alltag, in der Politik und in der Wissenschaft bis heute. Was als möglich gilt, muss auch verwirklicht werden können, sonst ist es unmöglich. Wir sagen: das ist unmöglich, und meinen damit: es kann nicht verwirklicht werden. Oder: das ist möglich, und meinen damit: man kann es verwirklichen – wenn man denn wollte. Das ist ontologisch gedacht.
Die Bibel und besonders Paulus denkt anders. Das macht Paulus an Abraham deutlich im Kp 4 des Römerbriefes. Hier gibt er zu verstehen, wie er das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit fasst. – Paulus denkt nicht ontologisch im Sinne der abendländischen Philosophie. Formal denkt er
dialektisch, inhaltlich denkt er nicht vom Sein, von dem her, was die Dinge in der Abstraktion sind (ousia), sondern was sie konkret in ihrer sozio-politischen Verfasstheit sind, resp. wie sie wirksam sind. Er denkt weniger in Begriffen, also Hauptwörtern, sondern mehr in Verben, Tätigkeitswörtern. Er denkt vom Schaffen und Reden der Grösse her, von der die hebräische Bibel behauptet, er sei der Gott (JHWH, Tetragramm, NAME). Wenn Paulus das Wort dynamis, Möglichkeit, an entscheidender Stelle (Rm1,4+16) setzt und das Wort ergon, Werk an vielen Stellen benutzt, lässt er erkennen, dass er das aristotelische Konzept kannte.
Zwischenbemerkung: Im Griechischen und im Deutschen kommen Wirklichkeit und Werk aus dem gleichen Wortstamm (energeia, Wirklichkeit, und ergon, Werk). Paulus verändert das aristotelische Konzept entscheidend – ganz auf der Linie der hebräischen Bibl. Die Entscheidung des Aristoteles: Nur in Bezug auf die Wirklichkeit ist die Möglichkeit denkbar oder erkennbar, kehrt Paulus um: Die Wirklichkeit kommt nur durch die Möglichkeit ins Sein. Paulus formuliert dies im 4. Kapitel in dreifacher Weise.
- Rm 4,17: Abraham vertraute dem Gott, «der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende ruft als Seiendes». An Abraham wird die dynamis theou, die ins Sein rufende Potenz/Möglichkeit Gottes sichtbar und wirksam. Die Wirklichkeit, das Seiende (hos onta) kommt also nur in Bezug auf etwas anderes in Betracht. Das Seiende, die Wirklichkeit hat einen Rufenden, den Gott Abrahams, der den Übergang vom Nicht-Seienden zum Seienden bewerkstelligt. Dieser Rufende
funktioniert demnach nicht in der Kategorie der Wirklichkeit, sondern in der Kategorie der Möglichkeit. - Und weiter sagt Paulus von Abraham 4,21: Abraham war völlig überzeugt, dass Gott die Möglichkeit hat (dynatos), was er verheissen hat, auch zu tun = wirklich werden zu lassen – und diese Möglichkeit hat ihr Mass nicht an etwas Wirklichem. Somit wird im Rufen der Wirklichkeit eine Möglichkeit gleichsam zugefügt oder zugemutet.
- Noch deutlicher wird dies 4,19, wenn Paulus die Situation des Abraham und der Sarah in Betracht zieht (nach Gen 18). Der Leib Abrahams sei schon erstorbenen gewesen, fast hundertjährig sei er gewesen, und der Mutterschoss, der Uterus der Sara sei auch erstorben gewesen, hätte die Nekrose gehabt. Was im aristotelischen Konzept unmöglich ist (dass eine aus Alter unfruchtbare Frau von einem alten Mann ein Kind bekommt) und darum auch nicht wirklich werden kann, ist im biblischen Konzept anders: der Wirklichkeit des Alters und der Unfruchtbarkeit wird ihre (eine) Möglichkeit zugesetzt oder zugemutet.
Diese Ordnung im Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit: was möglich ist, entscheidet sich nicht am Wirklichen, sondern die Möglichkeit hat ihre eigenen Möglichkeiten (um es redundant zu formulieren) – diese Ordnung hat Folgen für das Verständnis wichtiger biblischer Begriffe. Auferstehung, Geist, Berufung, Gesetz und andere sind nur in der kategorialen Ordnung zu verstehen, in der die Möglichkeit nicht abhängig von der Wirklichkeit ist. Zum Beispiel: Auferstehung
im kategorialen Rahmen von Wirklichkeit verstanden, wird zu einem unerklärlichen, obskuren Mirakel; im kategorialen Rahmen von Möglichkeit ist sie Schöpfung – Paulus setzt 4,17 ja beides parallel, also äquivalent: «der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende ruft als Seiendes». Und nur so ist auch Transzendenz, eine starke Transzendenz zu verstehen.
Man kann fragen, weshalb die Bibel nicht dem aristotelischen Verhältnis von dynamis Möglichkeit und energeia Wirklichkeit folgt. Ich vermute, dass dies mit dem sozio-politischen Ort zusammenhängt, von dem aus Welt verstanden und gedeutet wird. Für Aristoteles, der der gebildeten, freien Oberschicht angehört, ist die Welt, wie sie ist, grundsätzlich in Ordnung. Es gibt ein Oben und ein Unten, es gibt Menschen (wenige), die ‘von Natur aus’ zum Herrschen, und andere
(viele), die zur Untertanenexistenz bestimmt sind. Es gibt für ihn keinen Grund, diese Ordnung, diese Wirklichkeit zu ändern. Er will sie so. – Anders die Situation der Menschen im sozio-politischen Bereich, in dem die biblische Tradition entstand. Sie gehören zum Unten, zu den Menschen, die ‘von Natur aus’ nicht zum Herrschen bestimmt sind. Für sie ist die Welt so nicht in Ordnung, sie hielten
Ausschau nach Möglichkeiten, die nicht die unterdrückende Wirklichkeit zur Voraussetzung hatten
