Das grosse „Game“ – ein lebensgefährliches „Spiel“

Gewalt an der europäischen Aussengrenze und ein weiterhin nicht funktionierendes Asylsystem in Kroatien

Bericht einer Delegation des netzwerk migrationscharta.ch und der Aktion „Beim Namen nennen“ von einer Reise nach Kroatien und Bosnien vom           7. – 14. August 2025

Eine ökumenische Delegation der migrationscharta.ch und der Aktion Beim Namen hielt sich vom 7. – 14. August in Zagreb und Kutina in Kroatien, und in Sarajevo und Bihac in Bosnien auf. Die Gruppe umfasste fünf Seelsorgende aus der Schweiz und Deutschland. Alle haben im Alltag mit Geflüchteten in der Schweiz und Deutschland zu tun.

Bereits vor zwei Jahren waren drei der Seelsorgenden in Kroatien. Nun wollten sie wissen: Hat sich die Situation für Geflüchtete verbessert?

Die Gruppe traf insgesamt 47 Geflüchtete in Kroatien und konnte mit ihnen Gespräche führen. Ein grosser Teil war zuvor in westeuropäischen Ländern, wie Schweden, Norwegen, Österreich, Schweiz und Deutschland, und wurde von dort aus via Dublin-Verfahren nach Kroatien ausgeschafft. Sie hat mit Vertreter:innen von acht verschiedenen NGOs gesprochen, die sich vor Ort (sowohl in Kroatien als auch in Bosnien) für Geflüchtete einsetzen.

Konkret traf die Delegation ausserhalb vom grossen Empfangszentrum Porin in Zagreb 14 geflüchtete Personen, alle von ihnen ausgeschafft aus einem westeuropäischen Land via Dublin-Verfahren. Die Geflüchteten berichteten, dass sich die Situation im Zentrum Porin rein zahlenmässig im Vergleich zu 2023 entspannt hat. Aber es sei immer noch ein „Transitzentrum“ – viele würden nur wenige Tage bleiben. Sie würden kein ordentliches Asylgesuch stellen, sondern so schnell wie möglich weiterreisen, vor allem wenn sie schon Verwandte in einem westeuropäischen Land haben. Alle Beteiligten gäben sich grosse Mühe im Blick auf ein friedliches Zusammenleben. Zwar hat die Schweiz hier grosse Summen für die medizinische Versorgungbereitgestellt, dennoch fehlt es oft an medizinischem Fachpersonal und vor allem auch an Medikamenten. Zwei Personen, die die Delegation vor zwei Jahre schon traf, haben inzwischen Asyl erhalten. Zwei andere Personen berichteten telefonisch, dass sie unterdessen Asyl in Belgien erhalten haben. Eine Frau berichtete, dass sie 2024 einige Monate in der Schweiz war und dort mit ihrem Partner (den sie schon lange muslimisch traditionell geheiratet hatte) ein sogenanntes Ehevorbereitungsverfahren in die Wege geleitet hatte. Es fehlten nur noch wenige Dokumente, die sie umständlich über die Türkei besorgen musste. Bevor diese eintrafen, wurde sie mit grosser Gewaltanwendung auf Anordnung der zuständigen Behörden von der Polizei nach Kroatien ausgeschafft. Nun versucht sie von Kroatien aus den nötigen Dokumenten zu beschaffen, hat aber grosse Angst, in Zagreb auf die türkische Botschaft zu gehen. Sie fühlt sich alleine gelassen und kennt sich auch in der kroatischen Gesellschaft nicht aus. Ihr Mann lebt und arbeitet in der CH und erfüllt alle Bedingungen für die Eheschließung und    den Familiennachzug.

Die Delegation im Gespräch mit Geflüchteten aus dem Zentrum Porin (alle Fotos im Bericht zvg)

Im Zentrum von „Are you syrious“ – einer NGO in Zagreb (https://www.areyousyrious.eu/) – traf die Delegation dort tätige Mitarbeitende, die über ihr Engagement und ihre Projekte informierten. Es gibt diverse Sprachkurse, Rechtsberatung, einen Freeshop wo es unter anderem auch Babysachen, Hygieneartikel, Windeln, Kleider gibt. Sie haben über 100 Freiwillige, die dann Gotte und Götti für eine geflüchtete Person werden. Zugang zu Are you syrious haben Geflüchtete aus ganz Zagreb, sowohl aus dem Zentrum Porin als auch sonst. Es sei sehr schwierig, Wohnraum zu finden. Auch wird dort geholfen, wenn es um Anliegen in der Schule geht, oder bei der Arbeitssuche Unterstützung angeboten.

Sie berichteten, dass im Jahr 2024 mehr als 31’000 Personen in Kroatien registriert wurden, von denen die überwältigende Mehrheit Kroatien nur durchreist, ohne ein Asylgesuch einzureichen. Im selben Zeitraum (2024) erhielten lediglich 80 Personen einen positiven Asylentscheid, 280 Asylgesuche wurden abgelehnt. Einen offiziellen Asylantrag gestellt haben 2024 nur 1’000 Personen. Diejenigen, die sich entscheiden, in Kroatien ein Asylgesuch zu stellen, warten z.T. jahrelang auf eine Entscheidung. 75% aller Gesuche werden abgelehnt. Diese Zahlen werden durch einen Blick in die Statistik bestätigt.[1https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/migr_eipre/default/table?lang=en 2024 31’195 illegale Grenzübertritte, 2024: 310 entschiedene Asylanträge, davon 80 positiv, die übrigen negativ.mfn][/mfn] Auch Andrea Jelovčić vom Center for Peace Studies in Zagreb (https://www.cms.hr/en/) gab uns in einem nach unserer Reise geführten Telefonat dieselben Informationen und verwies auf die Statistik des Kroatischen Innenministeriums.2https://mup.gov.hr/pristup-informacijama-16/statistika-228/statistika-trazitelji-medjunarodne-zastite/283234 Kroatien ist und bleibt auch aus ihrer Sicht ein Transitland.

Es gibt für Personen im laufenden Asylverfahren keine Sozialhilfe, sie können lediglich im Zentrum wohnen. Es wird auch von der Seite des Staates nichts in Sprachkurse investiert, es gibt keine Kinderbetreuung, was die Arbeitsmöglichkeit für den betreuenden Elternteil fast unmöglich macht. Integrationsangebote gibt es lediglich durch NGOs wie Are you syrious oder den Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Nur die Stadt Zagreb selbst unterstützt z.B. die Geflüchteten, indem sie ihnen die Benützung des ÖV gratis gewährt. Für Personen, die ein Asylgesuch einreichen, gibt es generell die Möglichkeit, nach drei Monaten zu arbeiten. Man gehört dann aber auf dem Arbeitsmarkt zur Konkurrenz von Arbeitsmigrant: innen, die legal über international tätige Agenturen vermittelt werden. Diese stammen aus verschiedenen asiatischen Ländern. Eine Aufenthaltsbewilligung hat man durch die Arbeit noch lange nicht, sondern muss entweder warten, bis das Asylgesuch beantwortet wird, oder aber bis sich der Arbeitgeber einsetzt und über die Arbeitsbewilligung eine Aufenthaltsbewilligung erhält. Dadurch ist die Person dem Arbeitgeber vollkommen ausgeliefert.

Die Delegation vor dem Zentrum von Are you syrious in Zagreb

Die Delegation fuhr auch nach Kutina, wo das zweite offizielle Empfangszentrum ist. Sie traf 21 Geflüchtete, die aus dem Zentrum kamen, um mit der Delegation zu sprechen und ihre Erfahrungen mitzuteilen. Viele der Menschen, mit denen die Seelsorgenden aus der Schweiz sprachen, möchten – nach Aussagen von Wachpersonal und den Geflüchteten selbst – nach einer Ausschaffung direkt zurück nach Deutschland oder in die Schweiz, weil sie dort Angehörige haben. Die Mehrheit der Geflüchteten beklagte auch die Unterbringungssituation im Zentrum Kutina: Hier wurden vor allem die hygienischen Verhältnisse genannt (Bettwanzen, Kakerlaken, Ratten etc), Kinder, deren Körper zerstochen sei. Sie klagten auch über immer gleiche Essen ohne Vitamine, über die Art der Kinderbetreuung und über die medizinische Versorgung. Die Delegation konnte mit eigenen Augen sehen, dass es hinter dem zentralen Gebäude des Zentrums nur Container gibt, daneben Dixie-Toiletten und grosse, offene Abfallberge.

Mehrere Familien mit kleinen Kindern erzählten, dass sie keine Arbeit finden, da niemand auf die Kinder schauen könne, während sie arbeiten.

Die Delegation im Gespräch mit Familien aus dem Zentrum in Kutina

In den Gesprächen mit Vertreter:innen von SOS Balkanroute und anderen NGOs in Bosnien erfuhr die Delegation, dass es noch schwieriger wird für jene, deren Asylgesuch in Kroatien abgelehnt wird: Wer zu diesem Zeitpunkt nicht selbst weitergereist ist, läuft Gefahr in eines der drei «Detention-Camps» zu kommen – es sind Ausschaffungszentren, ähnlich den Schweizer Ausschaffungsgefängnissen.3Es handelt sich um zwei Reception- Center in Ježevo and Tovarnik – und ein Transit-Reception Center in Trilj. Von hier werden die Menschen entweder mit einem Ausschaffungsflug (der von der EU finanziert wird) nach Marokko oder Burundi oder in ein Land ausgeschafft, mit dem ein entsprechendes Rücknahmeabkommen besteht. Oder aber die Menschen werden in einen Bus gesetzt und nach Bosnien ausgeschafft. Besteht doch zwischen Bosnien und Kroatien ein Abkommen (Readmission), wonach Personen, die von Bosnien aus illegal nach Kroatien eingereist sind, dorthin zurückgebracht werden können.4Das bilaterale Abkommen über die Rückübernahme von Personen mit unbefugter Einreise oder Aufenthalt – unterzeichnet im Jahr 2012 (die sogenannten Rückübernahmeabkommen = Readmission). Gemäß dem Abkommen: auf Ersuchen Kroatiens SLO/BIH/SRB einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, der die für die Einreise oder den Aufenthalt im Hoheitsgebiet der Republik Kroatien geltenden Voraussetzungen nicht oder nicht mehr erfüllt, in sein Hoheitsgebiet aufnehmen, wenn festgestellt wurde (oder vernünftigerweise angenommen werden kann), dass diese Person unmittelbar nach einem Aufenthalt im Hoheitsgebiet von SLO/BIH/SRB oder einer Durchreise durch dieses Hoheitsgebiet in das Hoheitsgebiet der Republik Kroatien eingereist ist (und umgekehrt). Es muss ein offizielles Ersuchen eines Landes an ein anderes Land sowie die schriftliche Zustimmung des Aufnahmelandes vorliegen. Die Rückübernahme kann auch unter Umgehung des formellen Verfahrens im Rahmen eines verkürzten Verfahrens erfolgen, sofern die Person spätestens zweiundsiebzig (72) Stunden nach dem illegalen Überschreiten der Staatsgrenze aus BIH/SLO/SRB im Hoheitsgebiet der Republik Kroatien festgenommen wurde und das Innenministerium der Republik Kroatien Informationen vorlegt, anhand derer festgestellt werden kann, dass die Person die gemeinsamen Staatsgrenzen illegal überschritten hat. In diesem Fall ist ein Bericht über die Übergabe und Übernahme der Person zu erstellen. Wird jedoch der Asylantrag einer Person abgelehnt, kann sie ebenfalls auf diese Weise zurückgeführt werden. Andrea Jelovcic vom CPS wies darauf hin, dass die Zustände in diesen Zentren sehr problematisch sind, vor allem weil den Geflüchteten dort keine Rechtshilfe gewährt wird und sie keine Informationen über ihre Rechte im Blick auf eine Rechtsvertretung erhalten.5Die kostenlose Rechtshilfe (sowohl Rechtsberatung als auch Rechtsvertretung) in Haftanstalten ist nach wie vor unzureichend. Laut dem Jahresbericht der Polizei für 2024 (Seite 99). Im Jahr 2024 nahm das Aufnahmezentrum Ježevo 786 Drittstaatsangehörige und EWR-Bürger (690 Männer, 75 Frauen, 21 Minderjährige) auf. Im gleichen Zeitraum wurden nur 133 Anwaltsbesuche verzeichnet, bei denen 177 Personen Rechtsbeistand erhielten. Vgl. auch den offiziellen Polizeireport: Annual police report for 2024 Auch in einem aktuellen Bericht wird vom CPS wird die Situation in den Detention Camps ausführlich beschrieben und als unhaltbar eingestuft. 6https://www.cms.hr/en/publikacija/behind-bars-not-guilty-but-indebted/ Selbst der EGMR verurteilte Kroatien in einem konkreten Fall eines türkischen Staatsbürgers, weil sein Asylgesuch ignoriert wurde und er aus Kroatien ausgewiesen wurde. 7Der Gerichtshof stellte fest, dass Kroatien die Rechte von einem türkischen Staatsangehörigen kurdischer Herkunft, der in Kroatien Schutz vor politischer Verfolgung gesucht hatte, verletzt hatte. Er wurde 2020 in ein Internierungslager gebracht und versuchte, persönlich, über seinen Anwalt und über den Ombudsmann Asyl zu beantragen. Sein Antrag wurde ignoriert und er wurde rechtswidrig aus dem Land ausgewiesen: Urteil EGMR und Pressemitteilung CPS: Pressemitteilung CPS

Noch mehr über die Situation in Bosnien erfuhr die Delegation bei ihrem Besuch in Sarajevo und Bihac. Sie sprachen dort mit folgenden NGOs: Dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Sarajevo, den bosnischen Organisationen Kompass 071, dem World-Intergreat-Center, Collective Aid und verschiedenen freiwillig Engagierten von SOS-Balkanroute. Es sind diese kleinen NGOs und auch Einzelpersonen, die mit sehr wenigen Mitteln den vielen in Sarajevo geflüchteten Personen substantielle und elementare Hilfe durch Kleider, Hygieneartikel, psychologische und juristische Beratung, Dusch- und Waschmöglichkeiten und vieles mehr geben. Die Spenden an die NGO’s gehen immer weiter zurück.

Da sind zwei Mitarbeiterinnen im sogenannten Safehouse vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Sarajevo (Safe harbor – JRS Bosnia and Hercegovina), wo minderjährige alleinreisende Kinder und Jugendliche leben. Jede:r Jugendliche hat ein:e für ihn zuständig:e Erzieher:in und es gibt sowohl psychologische als auch medizinische Betreuung. Der JRS erhält dafür grosszügige Mittel aus der Schweiz. Da die Jugendlichen keine berufliche Perspektive sehen und von ihren Familien in der Heimat unter Druck gesetzt werden, versuchen sie in ein westeuropäisches Land weiter zu fliehen. So ruhen sich die meisten nur kurze Zeit im Safehouse aus, bevor sie wieder auf das «Game» gehen und versuchen, die bosnisch-kroatische Grenze zu überqueren. Die Mitarbeiter:innen halten zu vielen Jugendlichen Kontakt und wissen, wie schwierig diese weitere Flucht verläuft. Sie berichten davon, dass diese Kinder keine Kinder sein können, keine Jugendlichen, sie verhalten sich wie Erwachsene und nur bei den seltenen Gelegenheiten, wo sie z.B. einen Ausflug machen, können sie für einen Moment auch einmal Kind sein und spielen.


Beim JRS Sarajevo
Im World-Intergreat-Center

Im Unterschied zum JRS, der Mittel aus der CH erhält, sind viele der einheimischen bosnischen NGOs so gut wie mittellos. So berichtete die Gründerin des World-Intergreat-Center (https://www.instagram.com/wtc_intergreat/) , Sanela Lepic, davon, dass sie alleine für die Miete des Hauses (einem ehemaligen kleinen Franziskanerkloster in Sarajevo) und für die Lebenshaltungskosten der Mitarbeitenden, sowie die ganz praktische Hilfe für Geflüchtete, denen sie ihre Unterstützung anbietet, mindestens 70’000 Euro pro Jahr bräuchte. Seit dem Ukraine-Krieg sei die Unterstützung durch Spenden stark zurückgegangen. Wie alle NGO’s berichten, dass die Spenden rückläufig seien. So wie Sanela Lepic vom World-Intergreat-Center geht es auch Ines Tanovic von der NGO Kompass 071:https://www.instagram.com/kompas071_sarajevo/?hl=de:  Hier erhalten Flüchtlinge, die in Sarajevo in einem Camp leben oder auf Durchreise sind, vielfältige Unterstützung. Sie können ihre Wäsche waschen, sich duschen und erhalten Kleider, die gespendet wurden. Sie werden juristisch beraten und können einfach einmal durchatmen. Auch das sogenannte Warehouse der Organisation «Collective Aid» (https://www.collectiveaidngo.org/current-projects) arbeitet mit Kleiderspenden und nimmt sogar «Bestellungen» von Geflüchteten in den beiden grossen Camps von Sarajevo auf.

Im Gespräch mit Ines Tanovic von Kompass 071 und im Warehouse von Collective Aid

 

Kompass 071 ist darüber hinaus sehr aktiv bei der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen an der bosnisch-kroatischen Grenze und arbeitet hier eng mit dem Center for Peace Studies in Zagreb zusammen. Mit anderen Freiwilligen – auch von SOS Balkanroute und anderen NGOs – beobachten sie das Geschehen der Flucht auf der bosnischen Seite und helfen verletzte Menschen, die von der kroatischen Grenzpolizei festgenommen und nach Bosnien zurück geschafft wurden (Pushback). Seit anderthalb Jahren gibt es ein neues verbrecherisches Phänomen: Mafiöse Gangs warten in den bosnischen Wäldern auf Menschen, die Opfer eines Pushbacks geworden sind, oder lauert ihnen auf, bevor sie die Grenze überqueren. Sie überfallen die Geflüchteten, nehmen ihnen alles ab, was sie noch besitzen, foltern sie, überprüfen die Daten im Handy und senden erpresserische Nachrichten an die Familien in der Heimat, um Lösegeld zu erhalten. Mit Hilfe von Kompass 071, die von einer geflüchteten und derart misshandelten Person alarmiert worden ist, konnte die bosnische Polizei vor Kurzem eine dieser Gangs ausfindig machen und verhaften. (vgl. https://balkaninsight.com/2025/04/02/bwk-the-armed-afghan-gang-terrorising-migrants-refugees-crossing-bosnia/ )

Nach den vielfältigen Begegnungen mit NGOs und einzelnen Engagierten in Sarajevo fuhr die Delegation am letzten Tag noch nach Bihac. Dort traf sie auf zwei Mitarbeitende der Organisation SOS-Balkanroute https://www.instagram.com/sos_balkanroute/?hl=de  , die vor Ort mit anderen Hilfswerken Geflüchtete unterstützen. Auch hier werden Kleiderspenden (die zum grossen Teil aus Österreich kommen) an Geflüchtete verteilt, aber auch anderes Material wie zum Beispiel Schlafsäcke, Isomatten, Rucksäcke und Proviant, das auf der Flucht durch die Wälder im Grenzbereich das Überleben sichern soll.

Die Delegation konnte das Camp in Lipa nicht betreten, traf aber sechs Personen, die alle bereits mehrmals das «Game» gemacht hatten und immer wieder von der kroatischen Grenzpolizei nach Bosnien zurückgekommen sind. Ein Geflüchteter aus Syrien erzählte uns, dass er bereits 16-mal versucht habe, nach Kroatien zu gelangen und immer wieder zurückgeschickt worden ist. Es war bei den Geflüchteten deutlich eine grosse Erschöpfung und Ermüdung spürbar. Informiert wird die kroatische Grenzpolizei durch die Angestellten der Agentur Frontex, die die gesamte bosnisch-kroatische Grenze mitHigh-Tech-Überwachungsgeräten kontrollieren. Sie dürfen zwar nicht selbst Geflüchtete anhalten, können aber die kroatischen Grenzbehörden informieren.

Bild oben: Asim von SOS Balkanroute verteilt gespendetes Material an Geflüchtete, die sich bald wieder auf das “Game” begeben wollen.

 

Ein Geflüchteter erzählte uns, dass seine Bitte um Asyl ignoriert worden ist, er über Nacht in einem Gefängnis festgehalten und am nächsten Tag wieder nach Bosnien gebracht worden ist. Von diversen im Grenzgebiet engagierten Freiwilligen diverser NGOs wurde uns durchweg berichtet, dass es bei diesen illegalen Pushbacks immer noch zu viel Gewalt kommt. Nur wer es schafft, finanzielle Mittel über die Familie in der Heimat oder über eine Arbeit zusammen zu sparen, kann sich ein sogenanntes «Flüchtlings-Taxi» leisten, offensichtlich ist hier Bestechung im Spiel, denn diese “Taxis” werden oft nicht entdeckt. Zum Schluss besuchte die Gruppe den Friedhof von Bihac. Dort haben Freiwillige von SOS-Balkanroute und viele andere engagierte Bosnier:innen auf dem grossen Friedhof ein Gräberfeld für meist namenlos verstorbene Geflüchtete errichtet, die tot im Grenzgebiet auf der bosnischen Seite gefunden wurden. Menschen, die ein gewaltsames Pushback nicht überlebt haben und an ihren Verletzungen einsam starben, Menschen, die im Grenzfluss zwischen Serbien und Kroatien (Drina) ertrunken sind und am bosnischen Ufer aufgefunden wurden, Menschen, die sich verirrt haben und verhungert oder erfroren sind, Kinder, die in einem Sumpf ertranken. Die meisten Menschen starben in den Jahren zwischen 2019 und 2022. Und es werden weiterhin Menschen namenlos tot aufgefunden. Jeweils um den internationalen Flüchtlingstag wird dieser Menschen bei der Aktion «Beim Namen nennen» in mittlerweile 17 Städten in der Schweiz und Deutschland gedacht. Die Delegation legte einen Kranz ab und auf die einzelnen Gräber weisse Rosen, um dieser Verstorbenen zu gedenken und ihren Dank gegenüber den vielen Engagierten auszudrücken, die an dieser Stelle der Grenze alles daran setzen, Menschenleben zu retten und verstorbenen Menschen ihre Würde zurückzugeben.

Die Delegation legt einen Kranz und weisse Rosen auf dem Flüchtlingsfriedhof von Bihac ab

Aufgrund der vielfältigen Gespräche und Erfahrungen hält die Delegation von migrationscharta.ch und der Aktion «Beim Namen nennen» Folgendes fest:

Die Delegation zieht folgende Schlussfolgerungen:

  1. Die Lage von Geflüchteten in Kroatien ist prekär: Die Unterbringung und Hygiene ist mangelhaft, die medizinische Versorgung oft nicht gegeben.
  2. Kroatien ist und bleibt ein Transitland: Von den über 30’000 Menschen, die 2024 eine Absichtserklärung (Letter of Intents) unterschrieben haben, haben lediglich 1’000 ein offizielles Asylgesuch gestellt. Die grosse Mehrheit der Geflüchteten möchte nicht in Kroatien bleiben und zieht weiter. Gleichzeitig wurden 2024 nur 80 Asylgesuche gutgeheissen. Deswegen sollte die Schweiz zumindest verletzliche Menschen und Familien nicht nach Kroatien zurück deportieren. Die Schweiz soll Gebrauch machen von der Möglichkeit des Selbsteintrittes und ihnen so ein Asylverfahren in der Schweiz ermöglichen.
  3. Auch Personen, die in Kroatien traumatisiert wurden, sollten nicht nach Kroatien ausgeschafft werden, besonders, weil die kroatische Regierung nicht in der Lage ist, ein faires Asylverfahren zu gewährleisten. Leute, die in den sogenannten Detention Camps festgehalten werden, erhalten keinen Zugang zu Rechtsvertretungen.
  4. Kroatien kann Geflüchteten, die aus einem Land nach Kroatien ausgeschafft wurden, nicht die Sicherheit gewährleisten, weiter deportiert zu werden. Es ist immer schwieriger geworden, in Kroatien wirklich ein Asylgesuch zu stellen.
  5. Das Menschenrecht, in einem sicheren Land um Asyl zu fragen, wird zu einem “Game”. Es ist ein lebensgefährliches Spiel, das von den Geflüchteten oft verloren wird. Sie sind abhängig von Mafiabanden und Schleppern. Die Gewinner dieses Spieles sind vor allem Binnenländer wie die Schweiz oder Deutschland. Die immer härter gewordenen “Spielregeln” sind ein Resultat davon, dass immer mehr europäische Regierungen sich durch rechtsextreme Gruppierungen unter Druck setzen lassen. Fundamentale Rechte werden immer mehr ausser Kraft gesetzt.
  6. Die NGOs in Bosnien und Kroatien sollen eine finanzielle Basis haben, um mittelfristig planen zu können. Die Balkanroute gehört zu den vergessenen Krisenherden und die Spenden an ihre Arbeit sind massiv zurückgegangen. Da sie elementar wichtige Arbeit für Geflüchtete tun, sollten Kirchen, der Staat und Stiftungen aus der Schweiz sie finanziell unterstützen.

Mit diesen Schlussfolgerungen und Forderungen stimmt die Delegation vom netzwerk migrationscharta.ch und der Aktion beim Namen nennen mit bereits vorliegenden Berichten und Analysen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, des Europäischen Bürgerforums und von Solidarité sans frontieres überein.

Die Delegation bestand aus folgenden Personen: Susanne Karmeier (Citypastoral Dortmund), Verena Mühlethaler (Offene Kirche St. Jakob, Zürich), Nicola Neider Ammann (Leiterin Fachbereich Migration&Integration der katholischen Kirche Stadt Luzern und Seelsorgerin im BAZ Glaubenberg), Andreas Nufer (Reformierter Pfarrer und Theologischer Studienleiter im Kloster Kappel am Albis), Benigna Wäffler (Sozialdiakonin Offene Kirche St. Jakob in Zürich)  

Kontakt für die Medien:

Andreas Nufer: andreas.nufer@klosterkappel.ch

Verena Mühlethaler: verena.muehlethaler@reformiert.zuerich.ch

Nicola Neider: nicola.neider@kathluzern.ch